krämer´s ende

Im Jahre 2002 fotografierte ich eine Reihe von Einzelhandelsgeschäften, deren Existenz auf absehbarer Zeit zu Ende sein würde. Achtzehn Jahre später bekommt dieses Thema für mich erneut eine besondere Bedeutung. Der Onlinehandel boomt. Die Corona-Krise wird für viele kleine Geschäfte zur existenziellen Bedrohung. Gleichzeitig mehren sich die Stimmen, dass regionale Strukturen für eine Gesellschaft unerlässlich sind.

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Der Laden einer Putzmacher-Meisterin.

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"Drück mich nicht bevor ich nicht Dir gehöre."

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Heute noch aktiv - Policke Herrenbekleidung.

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Fand keinen Nachfolger.

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In Altona um die Ecke

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Lässt Sacknadeln selber herstellen.

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Dreißig Jahre Schuhe reparieren.

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Zimmerdecke

In den letzten zwanzig Jahren hat sich unser Einkaufsverhalten grundlegend verändert. Große Einkaufsmärkte haben in der Stadt wie auf dem Land den größten Teil der Kunden für sich gewonnen. Supercenter, Megamärkte und Multistores haben die Krämerläden, Handwerks- und Fachgeschäfte weitgehend verdrängt. In der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, fand noch in den 70er Jahren ein reges Geschäftsleben statt. Allein im Ortskern waren über ein halbes Dutzend Lebensmittelgeschäfte zu finden. Diese existierten neben diversen Gemischtwarenhändlern, Schuhmachern, Fleischer-, Tabak- und Hutläden.

Krämer´s Ende

Über den Verlust der Kultur beim Einkaufen

Da sich die großen Supermärkte in den meisten Fällen an den Stadträndern ansiedelten, zogen diese, bedingt durch die Randlage, das Publikum aus den Innenstädten. Seitdem haben sich die innerörtlichen Stadtbilder grundlegend verändert. In der oben erwähnten Kleinstadt befindet sich heute keines der damaligen Lebensmittelgeschäfte mehr. Das inner-örtliche Geschäftsleben beschränkt sich heute auf Büros, Dienstleistungsunternehmen und einige wenige Kleidung sowie Luxusartikel. Dies ist in Großstädten nicht viel anders. Trotz einer höheren Bevölkerungsdichte haben die Geschäfte hier keine bessere Überlebenschance. In Berlin, so der Autor Bodo Rollka in seinem Buch (Berlinische Reminiszenzen, Tante- Emma-Läden, Haude & Spener, Berlin, 1997), gab es im Jahre 1971 noch 16.037 Tante-Emma-Läden, ein Jahr später nahm die Zahl schon um 4.343 Läden ab.

Eine lange Tradition mit interessanter Geschichte

Dabei weist der Krämerladen eine lange Tradition und interessante Geschichte auf. Nachdem im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln nicht mehr über den Produzenten direkt gewährleistet werden konnte, übernahmen sogenannte Krämer diese Aufgabe.
Der Konsument erhielt damit eine Einkaufsstätte, bei der er eine Vielzahl von Produkten bekam. Für die Menschen, besonders in der Stadt, wurde so die Lebensmittelbeschaffung erheblich vereinfacht.

Darüber hinaus wurde die Kundschaft von einem fachkundigen Händler beraten. Da er als Beschaffer der unterschiedlichen Güter die Produzenten und meist auch die Produktionsstätten persönlich kannte, stand er auch für die Qualität der Ware ein. Dies führte zwischen Kundschaft und Händler/in zu einem besonderen Vertrauensverhältnis, verstärkt noch durch die Tatsache, dass die Kundschaft der Läden zum größten Teil aus Stammkunden bestand.

Neben dem Lebensmittelhandel gab es selbstverständlich eine Vielzahl anderer Gewerbezweige, für die das gleiche Prinzip galt. Schneider und Schuhmacher sind dabei einige der wenigen übrig gebliebenen traditionellen Gewerbe, die wir heute noch kennen.

Der ständige Wandel und neu aufkommende Produkte verdrängten schon immer ältere Gewerbe, Berufe und Unternehmen. Handwerke wie Holzköhlerei, Tuchfabrikation, Gerbereien, Korbflechter und Böttcher sind Beispiele, die zeigen, dass gemeinhin auch noch in der Zeit der neu entstehenden Geschäfte die Produktion und der Handel in einer Hand, nämlich der des Erzeugers, lagen.
Die frühen neu entstehenden Lebensmittelgeschäfte gingen hier einen anderen Weg. Neue Produkte sowie die Möglichkeit des schnelleren Transportes ließen neue Branchen entstehen. Geschäfte ganz anderer Art entstanden, die eine hohe Spezialisierung mit umfangreichem Fachwissen erforderten und die dem Laien im sich rasch entwickelnden Angebot mit Rat und Tat zur Seite standen.

Fachgeschäfte als spezialisierte Krämer

Sanitätshäuser, Drogerien und später z.B. Radio- und TV-Geschäfte prägten maßgeblich den Begriff Fachgeschäft. Es wird deutlich, dass solche Branchen immer großen Veränderungen unterlagen. So hatten die frühen Krämerläden von Anfang an einen schweren Stand, der ihnen einen ständigen Wandel aufzwang. Aufkommende neue Markenprodukte, wie z.B. „Persil"-Waschmittel oder "Maggi"-Suppengewürz, machten die Lebensmittelläden zu einem bloßen Verteiler der Ware, mit der Folge, dass auch die Händler selber die Ware immer weniger bei nur einem Produzenten kauften.
Die Beratung wurde bei den neuen Markenprodukten auf die Verpackung gedruckt.
Die Gewährleistung für die Qualität, über die bis dahin der Händler wachte, übernahmen die jeweiligen Hersteller selbst. Die zunehmende Konfektionierung machte den Schneider immer überflüssiger, auch Schuhe gab es bald von der Stange. Bekleidung wurde günstiger.
Der Verkauf von konfektionierter Ware erforderte wenig oder zumindest geringere Kenntnisse von der Herstellung. So konnten mehr ungelernte Verkäufer/innen ohne Fachwissen beschäftigt werden.
Es wurden Kosten eingespart und der hochqualifizierte Handwerker wurde nun nicht mehr vom Verkauf abgelenkt. Handwerk und Vermarktung wurden immer mehr voneinander getrennt.

Heute vollzieht sich dieser Strukturwandel auch in relativ jungen Branchen. Das Fachgeschäft, aus dem früher Werkzeuge bezogen wurden, ist vom Baumarkt abgelöst worden, einen Fernseher kaufen wir heute in einem Elektronikmarkt oder bestellen ihn bei einem Versand.

Von Branchenfremden Warenangebot zum Online-Handel

Für immense Umsatzeinbußen im Einzelhandel sind eine große Anzahl von Billiganbietern verantwortlich, die entweder branchenfremde Ware in ihr Sortiment mit aufnahmen (selbst bei Aldi kann heute ein Computer gekauft werden) oder aus ursprünglich ganz anderen Branchen kamen und selber komplexe Veränderungen durchmachten. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Firma Tchibo. 1949 als Röstkaffee-Versand gegründet, entstanden ab 1955 die ersten Tchibo-Kaffee-Fachgeschäfte und während einer fortlaufenden Expansion stieg das Unternehmen in den Non-Food-Artikel-Vertrieb ein, der später zu einem Versand ausgebaut wurde ( http://company.tchibo.de ).
Das Unternehmen wurde so zum Billiganbieter von Waren, welche die traditionellen Fachgeschäfte wegen ihrer höheren Kosten im Ladengeschäft und der vergleichsweise geringen Warenabnahme sehr viel teurer anboten.
Traditionelle Bekleidungsunternehmen etwa sehen in einem solchen Unternehmen den größten Konkurrenten.
Der Kunde hat derzeit eine nie gekannte Auswahl an Bezugsquellen für die verschiedensten Produkte. Hierbei entscheidet er sich immer seltener für den traditionellen Weg des Einkaufes. Das Kaufverhalten hat sich grundlegend verändert, es kann heute jeder frei nach seinen vorrangigen Bedürfnissen entscheiden, auf welchem Weg er/sie die Ware beziehen möchte: Ob in großzügigen Ladengeschäften bei sehr großer Auswahl oder bequem vom Computer zu Hause. Dort muss der Konsument nur noch aussuchen, der Transport kann bequem anderen überlassen werden.
Auch der gesamte Wocheneinkauf will zeit- und kräftesparend innerhalb eines Geschäftes erledigt werden. Auf den riesigen Verkaufsflächen der Einkaufsmärkte bietet sich eine Produktvielfalt dar, mit der sich die räumlich begrenzten Kleinstläden nicht messen können. Neben hohen Mieten für die Ladenflächen machen vor allem Mindermengenzuschläge und Verkaufsauflagen der beliefernden Großhändler den kleinen unabhängigen Geschäften das Leben schwer. Der Kleinhändler wird gezwungen, selber den Weg zum Großmarkt auf sich zu nehmen, wodurch sich für den Inhaber eines Lebensmittelgeschäftes der Arbeitstag auf vierzehn Stunden summieren kann.
Eine Arbeitszeit, die es dem oder der Besitzer/in nicht leicht macht, einen Nachfolger zu finden. Mit Erreichen des Ruhestandes des Inhabers verschwinden daher selbst einigermaßen rentable Geschäfte.

Der Kleinwarenladen wie auch der Fachhandel benötigen Idealismus und Leidenschaft, besser gesagt, eine Identifikation mit ihm. Das Geschäft war das Leben für "Tante Emma“, manch ein/e über 70jährige/r führt das Geschäft heute noch im Ruhestand „als Hobby" weiter.

Jedoch ist der Blick, den wir Heute auf die Geschäfte der Kleinhändler werfen, ein sehr verklärter. Vieles geht zweifellos mit ihnen verloren, doch der/die Konsument/in haben sich schon längst Ersatz für das eine oder andere Einkaufsritual gesucht. Was früher das Schwätzchen über den Ladentresen war, hält sie oder er heute untereinander im Einkaufsmarkt am Kühltresen stehend oder (was rationeller ist) in der Schlange vor der Kasse. Das Konsumverhalten hat letztendlich bestimmt, in welche Richtung sich Geschäfte entwickeln.
Wer möchte im Ernst noch im Alltag von Laden zu Laden tingeln, voll bepackt ohne Hilfsgefährt drei- bis viermal an der Kasse stehen und nach dem Portemonnaie kramen.
Doch die rationalisierte Beschaffung des Wochenbedarfes hat auch ihren Preis. Es wird immer schwerer, die Qualität der Ware zu beurteilen, immer weniger können wir betrachten, was wir kaufen. Eingeschränkt im günstigsten Falle durch eine Plastikfolie beurteilen wir die Ware mehr nach dem Verfallsdatum als über die uns gewohnten Sinne. Selbst Gurken findet man heute in Plastik eingeschweißt.
Kaufen wir ein TV-Gerät, fahren wir in eine Riesenhalle und nehmen vom Stapel ein Paket, dessen Inhalt wir über die unterschiedlichsten Medien (wie Internet) ausgewählt haben. Statt Beratung durch den Fachhandel wird das Gerät mit nach Hause genommen, getestet und später zurück gebracht, falls es nicht den Erwartungen entspricht.
Auf Beratung wird von seiten der Kundschaft freiwillig verzichtet.

Niemanden wundert es, wenn der einstige Werkzeughändler sich zum Andenkenladen wandelt und der altmodische Radio- und TV-Laden statt TV-Geräten jetzt Telefone und Handys verkauft. Reparieren allerdings, so wie früher, kann er die von ihm verkaufte Ware nicht mehr.

Einkauf und Sinnlichkeit passen höchstens noch in der Freizeit zusammen, wenn beim Besuch eines Wochenmarktes der Kontakt zur Ware wieder hergestellt wird und die Besorgung der einfachsten Dinge aufs Neue zum Erlebnis wird. Dabei erinnern wir uns an diesen Geruch in der Nase, der beim Lebensmittelhändler den ganzen Raum erfüllte, genauso wie den Leimgeruch, der uns beim Schuhmacher entgegenkam, sobald die Tür geöffnet wurde.

Das Fotoprojekt

Meine fotografische Arbeit soll nicht als eine Visualisierung des Stereotyps des Tante-Emma- Laden verstanden werden. Es geht mir vielmehr um eine Beschäftigung mit einer alten, zu Ende gehenden Einkaufskultur, um Zweckorte des Warenumsatzes, die durch die Gestaltung der Verkaufsräume eine Verbindung zum Besitzer zulassen und deren Interieur eher durch Pragmatismus und Abnutzungserscheinungen geprägt ist als durch einen verkaufsfördernden, durchgeplanten Ladenbau.
Es geht um Geschäfte, deren Art gestern noch die Regel bei unseren Einkäufen war und die uns heute fast schon exotisch vorkommen. Daher setzt sich meine fotografische Arbeit nicht dokumentarisch mit einer Vielzahl von alten Läden auseinander. Eher soll dem/der Rezipienten/in jenes Individuelle dieser Geschäfte nahe gebracht werden. Einkaufsstätten, in denen das Einkaufen nicht individueller sein könnte, die sich in ihrer Gestaltung nicht an nostalgischen Gesichtspunkten orientieren, aber ein hohes Maß an persönlichen Einflüssen durch den/die Besitzer/in erkennen lassen.

Die Arbeit weist dennoch auf eine untergehende Welt hin, in der zweifellos mehr Platz für Sinnlichkeit, Phantasie und Originalität war. Der Besuch eines kleinen Geschäftes kam mir oft vor, als dränge ich in eine Art öffentliche Wohnstube ein, einen Mikrokosmos eines oder manchmal auch zweier Menschen, geschaffen für die Konsumenten, öffentlich zwar, aber persönlich, fast intim bleibend.
Mit meiner subjektiven Sicht habe ich versucht die Atmosphäre dieser Geschäfte festzuhalten, die sich aus dem persönlichen Geschmack des/der Besitzer/in und der zweckmäßigen Gestaltung des Interieurs zusammensetzt. In diesem Zusammenhang verzichtete ich bei meiner Darstellung auf die Abbildung von Personen.
Obwohl die meisten Tante Emma Läden, weiterhin von vielen Kunden angenommen werden und gute Umsätze ausweisen, finden sich keine Interessenten, die das Geschäft fortführen würden.